2026-07-10 · Options-Analyse · Steuersystem

Fairer, ohne Schlupflöcher, wettbewerbsfähig — drei Wege zu einem neuen Steuersystem

Fairer, ohne Schlupflöcher, wettbewerbsfähig — drei Wege zu einem neuen Steuersystem
Bild: KI-generiert

Das Wichtigste in drei Sätzen

Ein Arbeitseinkommen trägt in Deutschland rund 48 % Abgabenlast, ein Kapitalgewinn pauschal 25 %. Wir haben das Steuersystem auf Schwächen geprüft und drei grundverschiedene Reformwege durchgerechnet — bewertet an Fairness, Schlupflöchern und Wettbewerbsfähigkeit. EVIDENZ fordert deshalb: EVIDENZ hat sich entschieden.

Worum es geht

„Das Steuersystem muss fairer werden, weniger Schlupflöcher haben — aber wettbewerbsfähig bleiben." Der Satz findet breite Zustimmung. Das Problem ist: Diese drei Ziele ziehen teils gegeneinander. Wir haben deshalb zuerst das heutige System nüchtern auf seine Schwächen geprüft und dann drei grundverschiedene Reformwege gegen genau diese drei Kriterien gestellt. EVIDENZ empfiehlt bewusst keines — wir legen offen, was jeder Weg kostet, und benennen die Wertfrage, an der die Entscheidung hängt.

Die Faktenlage

Das Gesamtsteueraufkommen lag 2023 bei 915,9 Mrd € (Quelle: BMF/Statistisches Bundesamt). Getragen wird es vor allem von der Umsatzsteuer (291,4 Mrd), der Lohnsteuer (236,2 Mrd) und der Gewerbesteuer (75,1 Mrd). Drei Schwächen stechen heraus:

  • Kapital wird niedriger belastet als Arbeit. Ein Arbeitseinkommen trägt in Deutschland eine Gesamtabgabenlast von rund 48 % (OECD-Tax-Wedge, Durchschnittsverdiener) — Einkommensteuer bis 45 % plus Sozialabgaben. Kapitalerträge werden pauschal mit 25 % abgegolten, ohne Progression. Zwei Menschen mit gleichem Einkommen zahlen sehr unterschiedlich — je nachdem, woher das Geld kommt. Das ist dasselbe „Zwei-Klassen"-Muster, das viele aus dem Gesundheitssystem kennen, nur im Steuerrecht.
  • Zwei große legale Schlupflöcher. Share Deals — die Grunderwerbsteuer wird umgangen, indem statt der Immobilie Unternehmensanteile übertragen werden (2021 nur verschärft, Schwelle von 95 % auf 90 % gesenkt, nicht geschlossen). Und die Betriebsvermögens-Verschonung bei der Erbschaftsteuer (§ 13a/b ErbStG), die große Betriebsvermögen bis zu 100 % steuerfrei vererbbar macht.
  • Hohe Last auf Arbeit, hohe Komplexität. Die Unternehmens-Gesamtbelastung (Körperschaft- + Gewerbesteuer ≈ ~30 %) liegt deutlich über dem EU-Schnitt (~21 %); das Steuerrecht gilt als eines der komplexesten der Welt.

Drei Wege — jeder mit einem Preis. Kein Modell erreicht alle drei Ziele zugleich. Das ist der unauflösbare Kern-Trade-off: Fairness ↔ Kapitalmobilität.

Im Einzelnen

Weg 1 — Duale Einkommensteuer (nordisches Vorbild). Arbeitseinkommen bleibt progressiv, Kapitaleinkommen wird einheitlich und moderat besteuert, aber systematisch integriert statt als Sonderregel.

  • Fairness: 🟡 Die Ungleichheit zwischen Arbeit und Kapital bleibt — wird aber bewusst gewählt statt zufällig.
  • Schlupflöcher: 🟡 Klare Systematik hilft, aber das Achillesfersen-Loch bleibt: Umwandlung von Arbeits- in Kapitaleinkommen (Selbstständige als GmbH). Skandinavien kontert das mit Aufteilungsregeln.
  • Wettbewerbsfähigkeit: 🟢 Moderate Kapitalsteuer hält Investitionen; international erprobt.
  • Wertannahme: Kapitalbildung als Wachstumstreiber bewusst niedriger besteuern.

Weg 2 — Synthetische Einkommensteuer (alle Einkünfte gleich). Alle Einkunftsarten — Arbeit, Kapital, Miete, Veräußerungsgewinne — werden gleich und progressiv besteuert. Die Abgeltungsteuer entfällt.

  • Fairness: 🟢 Gleiches Einkommen, gleiche Steuer — egal woher. Die stärkste Antwort auf das „Zwei-Klassen"-Argument.
  • Schlupflöcher: 🟢 Ohne unterschiedliche Sätze je Einkunftsart entfällt der Umwandlungsanreiz komplett.
  • Wettbewerbsfähigkeit: 🔴 Hohe Grenzsteuern auf Kapital erhöhen das Abwanderungsrisiko. Abmildern lässt sich das über Wegzugsbesteuerung und internationale Koordinierung (die globale Mindeststeuer von 15 % seit 2024 hilft, löst es aber nicht).
  • Wertannahme: Gerechtigkeit hat Vorrang, auch um den Preis von Standortabstrichen.

Weg 3 — Reparieren statt umbauen: Schlupflöcher schließen + Last verschieben. Das progressive System bleibt, wird aber gezielt repariert: Share Deals schließen, die Betriebsvermögens-Verschonung deckeln, die Abgeltungsteuer an die Arbeitsbesteuerung heranführen und Arbeit über niedrigere Sozialabgaben entlasten — gegenfinanziert über CO₂-Bepreisung und/oder eine bewertungsrobuste Vermögens-/Erbschaftskomponente.

  • Fairness: 🟢 Packt genau die zwei größten Ungerechtigkeiten an und entlastet Arbeit.
  • Schlupflöcher: 🟢 Schließt die konkret benannten Lücken direkt.
  • Wettbewerbsfähigkeit: 🟢 Kein Systembruch, planbar; die Entlastung der Arbeit stärkt den Standort.
  • Wertannahme: Bewährtes reparieren schlägt radikalen Umbau — Preis: bleibt komplex, keine „große Erzählung".

Das Ergebnis auf einen Blick. | | Fairness | Schlupflöcher | Wettbewerb | |---|:--:|:--:|:--:| | Duale ESt | 🟡 | 🟡 | 🟢 | | Synthetische ESt | 🟢 | 🟢 | 🔴 | | Reparieren | 🟢 | 🟢 | 🟢 |

Auf den ersten Blick gewinnt „Reparieren" — es ist der einzige Weg, der alle drei Ziele gleichzeitig ohne ein 🔴 bedient. Aber der Preis ist ehrlich zu nennen: Es bleibt das komplexe, unelegante System, nur besser abgedichtet. Wer eine einfache, kommunizierbare Steuer-Erzählung will, landet bei der dualen oder synthetischen Einkommensteuer — und muss dann bewusst einen der drei Werte hintanstellen.

Die EVIDENZ-Position

Es gibt keine „objektiv beste" Steuer. Die Entscheidung hängt an einer einzigen Frage:

Wollen wir ein gerechteres und einfacheres System — mit einem bewussten Abstrich (Systembruch)? Oder ein spürbar faireres System, das aber weiterhin komplex bleibt (Reparatur, ohne Abstrich)?

Diese Wertfrage legt EVIDENZ offen — die genaue Kalibrierung gehört in die demokratische Debatte — die Richtung legt EVIDENZ als Partei fest (siehe unten); eine KI empfiehlt hier ohnehin nichts.

EVIDENZ fordert

  • EVIDENZ hat sich entschieden — für den Weg „fairer, ohne Schlupflöcher": gleiches Einkommen, gleiche Steuer (synthetische Einkommensteuer als Ordnungsrahmen).
  • Kapitaleinkommen in die Progression und Verschonungsregeln bei der Erbschaft schließen — die Schlupflöcher zuerst.
  • Den Preis offen adressieren — der Wettbewerbsnachteil wird gezielt abgefedert, nicht durch einen Sonderrabatt fürs Kapital verdeckt.

Leserfassung. Quellen und Verfahren: Wie wir arbeiten.

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