2026-07-17 · EVIDENZ · Verkehr
Tempo 130 — warum wir uns festlegen, und warum ausgerechnet nicht auf 120

Das Wichtigste in drei Sätzen
Deutschland ist das einzige Land Europas ohne generelles Autobahn-Tempolimit. Wir sagen: 130. EVIDENZ fordert deshalb: Tempo 130 als Grundwert auf Autobahnen.
Worum es geht
Ein Satz, der stimmt und trotzdem selten so klar gesagt wird: Deutschland ist das einzige Land in Europa ohne generelles Tempolimit auf Autobahnen. Frankreich, Italien, Österreich — überall gilt 130, mancherorts 120. Nur hierzulande bleibt es dem Zufall der Strecke überlassen.
EVIDENZ legt sich fest: generell 130 km/h. Was diese Position von den üblichen unterscheidet, ist nicht die Zahl, sondern dass wir den Zielkonflikt offen dazusagen — auch den Teil, der gegen uns spricht.
Die Faktenlage
Was die Evidenz zeigt
Hier ist die Faktenlage eindeutig. Ein Tempolimit von 130 senkt die Zahl der Verkehrstoten auf Autobahnen um rund 25 bis 30 Prozent. Bei 292 Autobahn-Toten im Jahr 2025 sind das etwa 70 bis 90 gerettete Menschenleben — jedes Jahr (evidenzbasierte Analysen der Universität Passau und der Bundesanstalt für Straßenwesen; internationale Erfahrungen aus Österreich, den Niederlanden und den USA bestätigen die Richtung). Kein anderer verkehrspolitischer Hebel rettet so viele Leben zu so geringen Kosten.
Europa und die Menschen. 130 ist kein Experiment, sondern der europäische Normalfall. Und es ist mehrheitsfähig: Rund 57 bis 63 Prozent befürworten ein Tempolimit von 130 (RWI Essen und YouGov, 2024) — sogar unter ADAC-Mitgliedern gibt es eine Mehrheit. Ein niedrigeres Limit von 120 dagegen wünschen sich nur etwa 13 bis 15 Prozent als bevorzugte Geschwindigkeit. 130 sitzt auf dem Konsenspunkt.
Was die Evidenz nicht zeigt
Und jetzt der Teil, den man normalerweise weglässt, wenn man eine Position verkauft: Für den Klimaschutz wäre 120 die bessere Zahl. Weil der Spritverbrauch überproportional mit dem Tempo steigt, spart ein Limit von 120 nach Berechnungen des Umweltbundesamts rund 6,7 Millionen Tonnen CO₂ im Jahr — etwa doppelt so viel wie 130. Wer das Klima über alles stellt, müsste 120 fordern.
Wir tun es nicht — und sagen offen, warum: Den großen Sicherheitsgewinn holt schon 130. Der Akzeptanz- und Europa-Vorteil von 130 ist erheblich. Der zusätzliche CO₂-Gewinn von 120 wiegt den Verlust an Zustimmung und Mobilität aus unserer Sicht nicht auf — als generelles Limit. Das ist eine Wertentscheidung, keine Formel. Und eine Wertentscheidung gehört benannt, nicht als „objektiv beste Zahl“ getarnt.
Wie wir das Klima trotzdem mitnehmen. Der Zielkonflikt lässt sich entschärfen, statt ihn auszusitzen. Moderne Autobahnen haben längst digitale Schilderbrücken. Sie erlauben, situativ auf 120 oder darunter abzusenken — bei dichtem Verkehr, schlechtem Wetter, an Unfallschwerpunkten. Genau dort, wo 120 am meisten bringt (Sicherheit und Verbrauch), lässt es sich gezielt schalten. So wird 130 der populäre Grundwert und 120 der situative Zusatzhebel — man muss sich nicht zwischen Akzeptanz und Klima entscheiden, sondern nimmt beides mit.
Die EVIDENZ-Position
EVIDENZ entscheidet sich für Tempo 130 als Grundwert. Die Sicherheitsevidenz trägt ein Limit klar; fürs Klima wäre 120 besser — dieser Konflikt wird benannt statt versteckt. Das ist eine Wertentscheidung: der breit akzeptierte Sicherheitsgewinn zuerst, die Klimalücke schließt situative Steuerung (digitale Schilderbrücken), nicht ein niedrigerer Grundwert.
EVIDENZ fordert
- Tempo 130 als Grundwert auf Autobahnen — die abgewogene Wahl aus Sicherheit, Verbrauch und Akzeptanz.
- Digitale Schilderbrücken für situatives Tempo 120 oder darunter — gezielt bei dichtem Verkehr, schlechtem Wetter, an Unfallschwerpunkten.
- Immissionsabhängige Tempozonen nur, wo eine Reduktion das Problem nachweislich löst — sonst als Pilot (siehe Tempolimit-Position).
Leserfassung. Quellen und Verfahren: Wie wir arbeiten.