2026-07-15 · EVIDENZ-Position · Steuersystem
Der „Spitzensteuersatz" war für die Reichen gedacht — heute zahlt ihn fast jeder Zehnte

Das Wichtigste in drei Sätzen
1960 zahlte den Spitzensteuersatz nur, wer das 22-Fache eines Durchschnittslohns verdiente — echte Reiche. Heute greift er beim 1,9-Fachen, und rund vier Millionen Menschen zahlen ihn: jeder elfte Steuerzahler. EVIDENZ fordert deshalb: Den Spitzensteuersatz wieder oben ansetzen.
Worum es geht
Das Wort sagt es: Der Spitzensteuersatz soll die Spitze treffen. Über die Jahrzehnte ist er aber leise in die Mitte gewandert — und kaum jemand hat es gemerkt, weil es nie ein Beschluss war, sondern ein schleichender Effekt. Hier ist er, in Zahlen.
Die Faktenlage
Was die Evidenz zeigt
Entscheidend ist nicht der Steuersatz selbst, sondern ab welchem Einkommen er greift — gemessen am Durchschnittslohn der jeweiligen Zeit:
| Jahr | Spitzensteuersatz greift ab | = Vielfaches des Durchschnittslohns |
|---|---|---|
| 1960 | ~das 22-Fache | nur echte Spitzenverdiener |
| 1970 | ~das 10-Fache | |
| 1980 | ~das 5-Fache | |
| heute | ~das 1,9-Fache | obere Mitte |
Und in Menschen ausgedrückt: Heute zahlen den 42-%-Satz rund 4 Millionen Menschen — etwa jeder elfte Steuerzahler (~7 %). In den 1960ern war es ein winziger Bruchteil. Ein Satz, der einmal für ganz wenige galt, erfasst heute Ingenieurinnen, IT-Fachkräfte, gehobenes Handwerk — die obere Mitte.
Warum das passiert ist. Der Grund ist unspektakulär und genau deshalb so wirksam: Die Einkommensgrenzen des Tarifs wurden über Jahrzehnte nicht konsequent an die Lohnentwicklung angepasst. Während die Löhne stiegen, blieben die Schwellen relativ zurück — also rutschten immer mehr Menschen in den Spitzensatz, ohne real reicher zu sein. Das ist die kalte Progression, hochgerechnet über 60 Jahre. Keine Entscheidung, ein Automatismus.
Wie wir das nutzen — ein überprüfbarer Maßstab statt Bauchgefühl. Die Frage „Ab wann ist jemand Spitze?“ beantworten wir nicht mit einer gegriffenen Zahl, sondern mit einem nachprüfbaren Anker: dem Anteil der Verdiener.
- Den Einstieg in die hohen Sätze setzen wir wieder auf ein klar exklusives Segment — orientiert an den oberen zehn Prozent der Vollzeitverdiener (2024: ab rund 98.000 € brutto), statt wie heute tief in die obere Mitte hinein.
- Damit es nie wieder verrutscht, binden wir die Schwellen an Einkommens-Perzentile statt an feste Euro-Beträge — die oberen 10 / 1 / 0,1 % bleiben per Definition die oberen 10 / 1 / 0,1 %, amtlich fortgeschrieben. Das ist der eigentliche Clou: Eine bloße Inflationsanpassung („Tarif auf Räder“) hätte die Erosion nicht gestoppt, denn sie war ein Reallohn-, kein Inflationseffekt. Nur die Perzentil-Bindung beendet beides dauerhaft.
- Die wirklich hohen Sätze treffen die wirkliche Spitze: Am Einstieg der oberen 10 % (~98.000 €) stehen 45 %, bei den oberen 1 % (~213.000 €) 55 %, und den Höchstsatz von 60 % erreicht man erst bei den oberen 0,1 % (~450.000 €) — laut DIW die reichsten ~80.000 Menschen. Jeder Knick ist ein Perzentil. Mehr als heute zahlt, wer über rund 162.000 € liegt (die oberen ~2–3 %); alle darunter werden entlastet. Dass der Höchstsatz 60 % beträgt und nicht 55 oder 65, ist eine offen benannte Wertentscheidung: über der historischen deutschen Marke (53 %) und der nordischen (~55 %, die wettbewerbsfähig bleiben), aber unter der Schwelle, ab der Kapitalflucht ernsthaft droht.
So bekommt die breite Mitte eine spürbare Entlastung, und die Spitzensätze werden wieder zu dem, was ihr Name verspricht.
Denselben Maßstab am anderen Ende: der Grundfreibetrag. Was oben gilt, gilt auch unten — nur ist die Lage dort eine andere. Der steuerfreie Grundfreibetrag hat das Erosionsproblem des Spitzensteuersatzes nicht: Er ist per Gesetz an das Existenzminimum gekoppelt und wird regelmäßig neu berechnet. Ein nachprüfbarer Anker ist also schon da.
Der eigentliche Punkt ist ein anderer, und er ist einfach: Der Grundfreibetrag und das Bürgergeld sind zwei Namen für dieselbe Sache — das Existenzminimum. Was der Staat einem Menschen als Minimum zum Leben garantiert, das darf er ihm nicht wegbesteuern. Beide Zahlen müssen also gleich hoch sein.
Genau da setzen wir an: Wir koppeln den Grundfreibetrag an ein armutsfest berechnetes Existenzminimum — rund 15.000 € statt der heutigen gut 12.000 € — und zwar an dasselbe, das wir beim Bürgergeld ansetzen. So passt beides zusammen, statt dass die Steuerpolitik ein anderes Existenzminimum annimmt als die Sozialpolitik. Ein Maßstab, zwei Enden.
Die offengelegte Wertannahme. Was „die Spitze“ ist, bleibt am Ende eine Wertentscheidung — die oberen 10 %? die oberen 5 %? Wir legen unseren Maßstab offen (orientiert an der Einkommensverteilung, nicht an Tagespolitik) und die Zahlen, auf denen er beruht. Wer die Grenze woanders ziehen will, kann das anhand derselben Daten begründet tun. Genau das ist der Unterschied zu „gefühlt gerecht“.
Die EVIDENZ-Position
Ehrlichkeit heißt auch: zu sagen, was ein Vorschlag kostet. Wir haben den Tarif über die reale Einkommensverteilung gerechnet — die amtliche Lohn- und Einkommensteuerstatistik mit 44 Millionen Steuerpflichtigen. Ergebnis: Der reine Tarifumbau senkt das Einkommensteueraufkommen statisch um rund 18 Milliarden Euro im Jahr. Nicht, weil die Spitze geschont würde — die zahlt gut 21 Milliarden mehr —, sondern weil die Entlastung der breiten Mitte mit rund 39 Milliarden schwerer wiegt. Der größte Brocken sind die Einkommen zwischen 70.000 und 125.000 Euro, bei denen die Progression nach rechts wandert.
Das ist eine bewusste Entscheidung, keine versehentliche Lücke: Der Tarif für sich ist unterm Strich eine Netto-Entlastung von unten und Mitte, nur teilweise gegenfinanziert durch Vermögen- und Erbschaftsteuer und die Gleichbehandlung von Kapitalerträgen. Wir schreiben die Zahl hin — mit allen Vorbehalten, denn die Rechnung ist statisch und rechnet Verhaltensreaktionen nicht ein — weil man über einen Steuervorschlag nur dann ehrlich streiten kann, wenn sein Preis auf dem Tisch liegt.
Die Konzepte nebeneinander. Auf der Positionsseite zum Steuersystem zeigt das Grenzsteuersatz-Diagramm nicht nur unseren Vorschlag und den heutigen Tarif, sondern auch die veröffentlichten Konzepte von Die Linke und der AfD-Fraktion — dieselben Achsen, dieselben Zahlen. Nicht, um uns irgendwo dazwischen zu verorten, sondern damit jede und jeder die Kurven nebeneinanderlegen und selbst urteilen kann. Wer mag, zieht mit der Maus einen Einkommensbereich auf und zoomt hinein.
EVIDENZ fordert
- Den Spitzensteuersatz wieder oben ansetzen — dort, wo „Spitze" gemeint ist, nicht beim oberen Facharbeiter-Einkommen.
- Den Tarif an der realen Einkommensverteilung ausrichten und die kalte Progression dauerhaft neutralisieren.
- Das Reichensteuer-Segment sauber am oberen Rand verankern — Entlastung in der Mitte, mehr Beitrag ganz oben.
Leserfassung. Quellen und Verfahren: Wie wir arbeiten.